Annäherung

Annäherung

Eröffnungsrede zur gleichnamigen Ausstellung
von Belinda Grace Gardner

 

Der Mensch: Er steht in der Malerei von Malgorzata Neubart im Mittelpunkt. Die Personen, die aus ihren Bildern herausblicken oder mit geschlossenen Augen scheinbar ins eigene Innere schauen, wiederholen sich. Es sind einige wenige Gesichter, die leitmotivisch im Werk der Künstlerin in Erscheinung treten. Allesamt handelt es sich bei den Portraitierten, wie Malgorzata Neubart betont, um Menschen, die ihr begegnet sind und die sie persönlich kennt. Es sind dezidiert, wie sie sagt, keine „Zufallspersonen“, sondern intuitiv ausgewählte Persönlichkeiten, die zugleich als Individuen und als überindividuelle Verkörperungen eines quasi allgemeinmenschlichen Zustands von ihr ins Bild gesetzt werden.

Aus Lebensnähe in der Darstellung und Stilisierung auf das Wesentliche, dem Spezifischen und dem Generellen, der Verbindung von Alltagsrealität und deren Transzendenz hin zu einer Sphäre des Spirituellen beziehen die Portraits und auch die Landschaften – ein weiterer Schwerpunkt der Künstlerin – ihre subtile Spannung: eine über das reine Abbild weit hinausweisende, feinstoffliche Energie.

Die Öffnung ihrer Malerei hinein in eine sakrale Dimension ist ein zentrales ästhetisches, man möchte fast sagen: ethisches Anliegen der 1977 in Warschau geborenen, in Hamburg lebenden Künstlerin. Sie absolvierte in ihrer Heimatstadt zunächst ein grafisches Studium, bevor sie sich an der Hamburger Hochschule für bildende Künste in der Klasse des international renommierten Malers Norbert Schwontkowski auf die Malerei konzentrierte. 2010 erwarb sie in Hamburg einen weiteren Abschluss im Feld der freien Kunst.

Ihre künstlerische Begabung wurde bereits früh entdeckt und gefördert. Schon als Schülerin besuchte sie eine auf Kunst spezialisierte Oberschule. In der Malerei hat sie ihre Berufung gefunden, wobei die Präzision und Reduktion der Zeichnung in ihrem malerischen Werk ebenfalls zum Tragen kommen.

Mit ihrer heute startenden Ausstellung „Annäherung“ schließt Malgorzata Neubart nun ihren einjährigen Aufenthalt in Northeim als 16. Stipendiatin des bereits seit 15 Jahren bestehenden Residenz-Programms der hiesigen Kreis-Sparkasse ab. Für die Dauer ihres Arbeitsstipendiums hat Malgorzata Neubart ein entsprechend dafür bereitgestelltes Atelier hier vor Ort in Northeim bezogen. In dieser Zeit sind etliche neue Arbeiten entstanden: Ein neues „Gesicht“ hat den von ihr portraitierten Personenkreis erweitert. Und die Künstlerin hat die Landschaft um Northeim herum auf ihre ganz eigene Weise malerisch festgehalten.

Nun sind sowohl die Portraits als auch die Landschaften von Malgorzata Neubart keine mimetischen Spiegelungen ihrer jeweiligen Sujets. Sie sind nicht realistisch oder naturalistisch in dem Sinne, dass sie sich eindeutig auf das Abgebildete fixieren lassen, auch wenn die Künstlerin in ihrer Malerei von konkreten Gesichtern und Orten ausgeht, ihre Bilder stets in der eigenen Lebenswirklichkeit wurzeln. Und doch bleiben die oft in nicht näher definierter Umgebung dargestellten Portraitierterten in der Schwebe, sind ebenso zeitlos oder „aus der Zeit gefallen“ wie die Landschaften, die trotz einer gewissen Erkennbarkeit ebenfalls jenseits von Raum und Zeit angesiedelt sind und in einer autarken Sphäre der Stille ihre kontemplative Wirkung entfalten.

Diese Zeit- und Ortlosigkeit, die mit einer ungeheuren Präsenz der Motive einhergeht, unterstreicht das „universelle“, spirituelle Moment, das sich durch die Bilder der Künstlerin als konstante, tragende Leitmelodie hindurchzieht.

Oft wählt Malgorzata Neubart in den Portraits ­– in Anlehnung an die von ihr als wesentliche ästhetische Referenz benannte Ikonenmalerei – eine frontale Darstellung. Und stellt somit einen unmittelbaren Bezug zwischen Bild und Betrachter her: Die direkte Konfrontation mit dem jeweiligen menschlichen Antlitz löst die Grenzen zwischen den Perspektiven, zwischen Außensicht und Identifikation mit dem Gegenüber gleichsam auf. Auch wenn die Augen der Figuren in die Ferne gerichtet oder in innerer Versenkung geschlossen sind, so folgen wir deren Blick, werden Teil der entrückten Stimmung, die Malgorzata Neubarts Bilder durchströmt und in Schwingung versetzt.

Die Arbeiten der Künstlerin entstehen, wie sie sagt, aus einer Vision heraus, „wie das künftige Bild aussehen soll“. Die Basis dafür bildet immer die eigene Anschauung, das genaue Betrachten und Beobachten des Sujets, der Person, die es bildlich zu erfassen gilt: in ihrer „Essenz“, dem Wesentlichen, das ihre Eigenheit ausmacht. Dabei bewahrt sie zugleich jene Offenheit, die es dem Betrachter, der Betrachterin ermöglicht, sich mit den Individuen in den Bildern zu identifizieren.

Eigene fotografische Aufnahmen dienen lediglich als Gedächtnisstützen beim langen, meditativen Malprozess mittels den bewährten malerischen Mittel Eitempera und Ölfarbe, ein Prozess, den ausführliche Überlegungen begleiten. „Es braucht viel Zeit“, sagt Malgorzata Neubart, „eine Person kennenzulernen“. Dazu muss sie sich intensiv auf ihr jeweiliges Gegenüber einlassen. Ein emotionaler Kraftakt, wie sie beschreibt. Doch sind nur so jene Tiefen zu erreichen, die ihren Portraits grundsätzlich innewohnen. Und die sie im anmutigen, fließenden, lasierend-transparenten Duktus ihrer Malerei durchmisst.

Die Landschaften, die sie parallel malt, um, wie sie sagt, „Abstand“ von der Intensität der Portraits zu erhalten, führen von der Tiefe in die Weite, von der mentalen Sphäre in den Außenraum, von der Seelenlandschaft ins Terrain der Natur. Und doch sind auch diese Orte, die der Künstlerin zufolge allesamt tatsächlich existieren, – beispielsweise in Gestalt der Wald- und Feldstücke rund um Northeim – vor allem Reflexionsräume, die ebenso wie die Portraits Ruhe, Stille, Konzentration ausstrahlen. Und so ebenso einer räumlich-zeitlichen Fixierung enthoben sind wie ihre Pendants, die das menschliche Antlitz zum Thema haben.

In mehrfacher Hinsicht sind die Arbeiten der Künstlerin Zeugnisse einer Erforschung dessen, was hinter den Erscheinungen und Oberflächen liegt.

„Traces du Sacré“ – „Spuren des Geistigen“: So hieß eine Ausstellung 2008/2009 in Paris und München. Im Mittelpunkt der Schau stand in den Worten der Kuratorin Angela Lampe die „säkulare Suche, die uns in gewisser Weise aus der Kirche hinaus und in uns selbst hinein führt“. Diesen säkularen spirituellen Weg beschreitet auch Malgorzata Neubart, für die das „Malen eines Gesichts“, wie sie in Texten zu ihrer Arbeit geschriebenhat, ihre Art und Weise ist, einen Menschen in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erfahren: „Es ist das Erlebnis eines Menschen in seinen verschiedenen Dimensionen der Existenz. Erkenntnis. Erstaunen.“

Die Reduktion des jeweiligen Gesichts auf dessen „elementare Bestandteile“ dient – und hier sind wir nun beim Titel der aktuellen Ausstellung hier in Northeim – der Annäherung. „Auf diesem Weg“, so die Künstlerin in ihren Aufzeichnungen, versuche sie, ihrem Gegenüber „so nah wie möglich zu kommen und andere als realistische Qualitäten darzustellen.“ Das Gesicht wird so in ihren Worten zu einer Manifestation des schwer greifbaren „Absoluten“, in der der metaphysische Funke des Göttlichen aufzublitzen vermag.

Hier nähert sich Malgorzata Neubart einem zentralen Gedanken Alexej von Jawlenskys an: „Ich sehe in einem Antlitz nicht nur das Gesicht“, so der russischstämmige Avantgarde-Maler „sondern den ganzen Kosmos (…) im Gesicht offenbart sich das Universum.“ Der berühmte Verfasser der 1918 bis 1934 entstandenen „Abstrakten Köpfe“ oder „Heilandsgesichte“ und der anschließenden, zunehmend ungegenständlichen „Meditationen“ reduzierte das menschliche Gesicht auf eine genau austarierte Konstellation horizontaler und vertikaler Linien oder Farbbänder. Und schuf so, wie es Christina Feilchenfeldt in ihrem Beitrag zum Katalog der Kieler Ausstellung „Portrait ohne Antlitz. Abstrakte Strategien in der Bildniskunst“ 2004 formuliert hat, „Bildnisse der Seele“: „(…) Metaphern des menschlichen Antlitzes, reduziert auf seine elementaren Bestandteile“, mit Ziel einer, „bildlichen Umsetzung von Verinnerlichung und Religiosität im menschlichen Antlitz“.

Alexej von Jawlensky gehört ebenso wie sein „Blauer Reiter“-Kollege und Autor der berühmten Abhandlung „Über das Geistige in der Kunst“, Wassily Kandinsky, zu Malgorzata Neubarts ästhetischen Inspirationsquellen. Auch Kasimir Malewitsch, der Erfinder des „schwarzen Quadrats“ – jener nachhaltigen, abstrakten „Ikone der Moderne“ – ist Teil des spirituell aufgeladenen Bezugssystems der Künstlerin. Kompositorisch lehnt sie sich im Aufbau ihrer Portraits an die Form eines Kreuzes an, die auch den „Heiligengesichten“ Jawlenskys als Kernfigur strukturell eingeschrieben ist. In der frontalen Darstellung der Antlitze und der oft flachen, auf Farbfelder reduzierten Umräume, in denen sie in Erscheinung treten, sowie in der wiederholten Wahl von Holz als Malgrund bestehen bewusst eingesetzte Parallelen zur traditionellen Ikonenmalerei.

Und doch bleiben die Protagonistinnen und Protagonisten der Künstlerin nicht in der Ferne der Vergangenheit haften. Sondern werden in ihrer trans-temporalen, sensitiven und gleichermaßen eindringlichen Bildsprache ganz in unsere Nähe gerückt: eine „Annäherung“, die langsam, über den Weg meditativer Versenkung, eines Sich-Einlassens von uns, den Betrachterinnen und Betrachtern, auf ihre Bildwelten erfolgt.

In unserer, wie es der französische Kurator von „Traces du Sacré“, Jean de Loisy, auf den Punkt gebracht hat, „bis ins Unendliche gepixelten, im Blitzlichtgewitter unsichtbaren, bis zum Verschwinden überbelichteten Realität“, lässt Malgorzata Neubart Ruhe und die Langsamkeit des genauen Blicks und Begreifens einkehren und eröffnet über die Möglichkeit der Empathie ein anderes Sehen. Die zeitgenössischen „Ikonen“ der Künstlerin sind in ihrem überzeitlichen Schwebezustand in feinster Balance gehalten: zwischen gestern, heute und morgen, zwischen der Aktualität unserer Alltagsgegenwart und den Tiefen der Kunst- und Kulturgeschichte, in der unsere Conditio humana – die Grundbedingung unseres Menschseins – bis auf weiteres verankert ist.

 

Malgorzata Neubart: Annäherung, Kreis-Sparkasse Northeim, 31.8.2012