Ungemein beruhigende Ikonen

Ungemein beruhigende Ikonen unserer Tage

Malgorzata Neubart bei Kramer Fine Art

Gut möglich, dass der Besucher zunächst ein wenig enttäuscht ist, betritt er die Galerie “Kramer Fine Art” in der Altstädter Straße in der Innenstadt, um die aktuelle Ausstellung von Malgorzata Neubart zu begutachten. Kein Dutzend Bilder, mehr nicht? Doch der erste Eindruck täuscht und zwar gewaltig. Denn was zu betrachten ist und was einen seinerseits nun anschaut, das braucht seinen Platz, das braucht drum herum ganze Wände, die frei bleiben müssen, damit die Bilder und die auf ihnen enthaltenen Personen und Persönlichkeiten ihre Wirkung entfalten können. Und bald – das ist versprochen – wird den Besucher eine ganz eigene Ruhe umfangen; wird das, was da draußen an städtischem Grundrauschen immer da ist, nach und nach verhallen.

So also geht es, wenn eine eigentlich noch junge Malerin ihren eigenen Ton gefunden hat und nun dabei ist, diesen zu perfektionieren, ohne Hast, ohne Eile, und vor allem ohne Druck. Wenn eine auch keine Scheu hat vor einer gehörigen Dosis Empfindsamkeit, vor der Nähe zur klassischen Ikonenmalerei. Und so passt Neubart bestens in das Programm der Galeristin Sandra Kramer, die mit Silke Silkeborg und Henrik Hold ähnlich verwandte, weil traumsichere Zeitgenossen vertritt, die ganz nebenbei einfach beste Handwerker sind, was die Kunst des Malens betrifft.

Sehr eindringlich das Portrait ihrer Schwester Mona vor blauem Grund, mit schwarzen Perlenkette. Beeindruckend ihr Portrait eines vielleicht zweijährigen Kindes, das Gesicht sorgsam ausgewischt, auf das alles andere (Haaransatz, die mit Rüschen besetzte Kleidung, die freien Oberärmchen) zu leuchten beginnt. “Ich selbst habe kein Kind”, erzählt sie, “aber ich stelle mir vor, dass es ein sehr starkes Gefühl sein muss, verbunden mit einer ähnlich großen Unsicherheit: ‘Das ist mein Kind, aber wer ist dieses Kind?’ Und zeigt sich nicht erst mit der Zeit, wer dieses Kind ist?”

Malgorzata Neubart, das ist nicht nur dem ungewöhnlichen Vornamen zu entnehmen, stammt ursprünglich aus Polen. Schon als Kind sehr ernsthaft der Malerei und dem Zeichnen zugetan, studiert sie nach der Schule Druckgrafik an der Europäischen Akademie der Künste in Warschau. Zwar schließt sie dies Studium mit Auszeichnung ab, doch die Druckgrafik mit ihrer mechanischen Aura und ihrer ständigen Nähe zur Gebrauchskunst ist nicht das, wonach ihr künstlerisch der Sinn steht. Und sie wagt vor neun Jahren den und wechselt nach Hamburg, beginnt das Studium der Malerei, unter anderem bei Norbert Schwontkowski, der ja eine ähnlich verhalten-intensive Maltechnik pflegt.

Derzeit absolviert die längst amtliche Diplomkünstlerin ein einjähriges Residenzstipendium in der Kleinstadt Northeim. Sie ist – das liegt nahe – keine die Bild nach Bild produziert, sondern eine, die zuweilen tagelang auf ihre Bilder schaut, wieder wegschaut, nachdenkt und nachspürt und erst dann den Pinsel nimmt, wenn es wieder Zeit ist. “Adoration” ist der Titel der Ausstellung, von adoratio, Anbetung.

Malgorzata Neubart: Adoration, Kramer Fine Art, Altstädter Straße 13, bis 27. April 2012

Text: Frank Keil, erschienen in der “Welt”, 19.04.2012